
Maltherapie in der Demenz
Wenn Farbe zum Ausdruck wird.
Ein flüchtiger Moment
Wenn der Malwagen über die Abteilung rollt, beginnt ein vertrautes Ritual. In der Maltherapie entstehen kleine Momente der Ruhe, des Ausdrucks und der Verbindung.
Immer mittwochs, wenn ich auf der Abteilung mit meinem Malwagen einrolle, werde ich von Frau S. mit offenen Armen und einem breiten Lächeln empfangen.
Sie scheint das Rollen der Wagenräder zu erkennen und kommt daraufhin gleich selbst in Bewegung. Gemeinsam machen wir uns dann, den Malwagen schiebend, auf den Weg zu unserem Tisch und ‘Atelierraum’ für die nächsten zweieinhalb Stunden.
Die kleinen ‘Rituale’ zu Beginn des Malens sind in unseren Interaktionen bereits gefestigt. «Sie dürfen gerne hier Platz nehmen», sage ich zu ihr und ziehe den Stuhl zurück. «Nicht erschrecken, ich schiebe Sie etwas näher an den Tisch heran», während ich den Stuhl nach vorne stosse, woraufhin ein «Oooh» und ein leichtes Lachen von ihr folgen. «Machen wir heute etwas Neues», frage ich, während ich ihr die Unterlage mit dem weissen Aquarellpapier hinlege und die Farben und Pinsel daneben bereitstelle. Dies sind mittlerweile vertraute und routinierte Sätze, welche uns beiden den natürlichen Einstieg ins Malen signalisieren.
Manchmal startet Frau S. nach einer kurzen Instruktion zu den Pinseln und Farben gleich selbst. An anderen Tagen holt sie sich die passende Inspiration, indem sie in sich hineinhorcht und/oder sich die Umgebung und die Aussicht aus den grossen Fenstern im Raum auf sich wirken lässt. Fast immer kommt danach alles wie von selbst in den Fluss. Der Griff zum Pinsel, das Abwägen, die Auswahl und das Eintauchen in die richtige Farbe. Der Pinsel tupft und trommelt, fliegt über das Blatt und taucht ins Wasserglas ein. Frau S. ist in den Malprozess eingetaucht und in ihr Werk vertieft. Stück für Stück, Tropfen um Tropfen entsteht etwas auf dem Bild. Ab und an setze ich mich zu ihr und arbeite selbst an einem Bild. So arbeiten wir zu zweit, gemeinsam an unseren jeweiligen Werken, als kleine, vertraute Malgruppe.
Während des Malens passiert viel. Auf dem Blatt, aber auch – und vor allem – bei der malenden Frau S.
«Ein Schiff, ein Vogel.»
«Diese vielen Kleinen da, so schön.»
«Mit dem Blau so und da. Und da braucht’s noch etwas.»
«Das da, das ist noch gut.»
«Jetzt schaue ich noch, was es sonst noch braucht.»
«Etwas müssen wir ja machen.»
Was Frau S. genau auf dem entstandenen Werk sieht und was in ihrem Inneren anklingt, bleibt bis auf diese Wortfetzen bei ihr, denn Frau S. hat Demenz.
Man sieht es jedoch an ihrem konzentrierten Blick, hört es in den vielen Lauten und Wörtern, die sie von sich gibt. Man merkt es an der Art, wie sie den Pinsel hält und ihn gekonnt über das Blatt tanzen lässt. Für diese Momente, während ich auf der Abteilung bin, steht die Maltherapie. Sie ermöglicht, dass das Innere der Bewohnenden zur Ruhe kommt und vertieftes sowie konzentriertes Arbeiten möglich wird. Ein kurzes Zeitfenster und vor allem Raum, um mithilfe der eigenen, bei jedem Menschen vorhandenen, Kreativität, das Innenleben zu spüren, zu erfahren, zu sehen und zum Ausdruck zu bringen. Um es danach ganz wieder loslassen und vergessen zu dürfen. Was bleibt, ist vielleicht noch das Nachklingen des soeben Gefühlten und Gedachten oder ein Ausdruck im Gesicht. Dies, bis der nächste Moment sogleich kommt und den Tag wie gewohnt voranschreiten lässt. Ein flüchtiger Moment bei sich selbst!
Berna Meral
Maltherapeutin i.A.


